Circular ToiToi – ein
nachhaltiges
Örtchen für den
Neufert-Bau
Weißwasser
Der Neufert-Bau Weißwasser ist ein ehemaliges Lager- und Versandzentrum, errichtet 1935 bis 1937 von den Vereinigten Lausitzer Glaswerken (VLG) nach den Plänen von Ernst Neufert. Der 6-geschossige Bau steht seit den frühen 1990er Jahren leer, seit 2014 engagiert sich ein gleichnamiger Verein für den Erhalt und die Belebung des Industriedenkmals. Zwar wurde ein Notdach errichtet und die Gebäudehülle gesichert, doch liegt bis heute weder Wasser noch Wärme an. Für größere Veranstaltungen musste bisher immer ein Dixie angemietet werden.
Als wir die ersten Gespräche mit dem Verein zur gemeinsamen Ausrichtung des Bauwende-Camps führten, war daher schnell klar: Hier muss eine Trockentoilette her! Der Architekt Stephan Amman steuerte seinen Prototypen für einen neuartigen Trenneinsatz bei und erklärte uns das Einmaleins der Trockentrenntoilette – kurz TTT. Diese funktioniert ohne Wasser und Chemie. Durch Trenneinsätze werden flüssig und fest getrennt, sodass Feststoff in einem Eimer und Urin in einem Kanister landet, was die Geruchsimmission erheblich reduziert und Kompostierung eröffnet. Bei dem Projekt trifft Bauwende damit auf Themen der Sanitär- und Nährstoffwende.
Gestaltung
Da das Toilettenhäuschen zwar am Rande des Geländes, aber dennoch direkt neben dem Neufert-Bau errichtet werden sollte, war für uns klar, dass es eine würdige Gestaltung braucht! Statt einer engen Zelle entschieden wir uns für Geräumigkeit. Der Entwurf hat nicht die Dimensionen und Details einer barrierefreien Sanitäreinheit, aber bemüht sich um viel Bewegungsfreiheit. Es gibt Platz für Gehhilfen, Einstreubehälter, Ablageflächen für Taschen und Kleidungsstücke. Wichtig war uns auch eine Belichtung, auf der abgewandten Seite gibt es ein Fenster ins Grüne.
Für die Ausarbeitung und Umsetzung bekamen wir Unterstützung vom Zimmerer Luis Matauschek. Im Sinne von ‚Radical Re-Use‘ war es unser Ziel, weitestgehend auf Neumaterial zu verzichten. Dem Bauworkshop vor Ort gingen daher mehrere Wochen intensiver Materialsuche und darauf aufbauende Entwurfsarbeit voraus. Über Kleinanzeigen, Materialvermittlungen und das private Umfeld konnten wir nahezu alle Komponenten zusammentragen und die ersten Ideen auf Grundlage der konkreten Materialfunde weiter ausarbeiten.
Die Basis für unsere Konstruktion waren ca. 50 Quadratmeter Kiefernholzdielung mit dickem, graugrünem Anstrich auf der Oberseite, welche aus einem Einfamilienhausumbau in Schönwalde stammten. Tragkonstruktion und Fassade sind hieraus gefertigt. Um eine optimale Ausnutzung dieses Altholzvorrates zu erreichen und das Material auf Metallkleinteile zu prüfen, trennten wir die Bretter in mehreren Standardbreiten auf. Für den Sockel griffen wir auf gebrauchte Siebdruckplatten und Balkenreste zurück. Als Fensterelement wurde eine Doppelstegplatte aus einem Dresdner Museumsdepot verbaut. Das Dach ist aus Wellblech-Leftovers eines Neubauprojekts. Der Innenausbau besteht aus den Verschnittresten der Holzdielung. Waschbecken, Klobrille, Spiegel und Armaturen sind Keller- und Sperrmüllfunde. Das Material für den Trenntoiletten-Einsatz sowie alle Schrauben und Beschläge wurden allerdings neu besorgt.
Um die Grundkonstruktion aus den schlanken Dielenbrettern zu fertigen, haben wir ein System aus Doppelstützen gewählt, in das die Boden- und Dachträger eingespannt werden. Die Hülle ist als klassische Boden-Deckel-Schalung ausgeführt. Trockentoiletten bedürfen einer gewissen Unterbauhöhe, um Sammelbehälter aufnehmen zu können. Wir haben die bestehenden Höhenunterschiede der historischen Laderampe genutzt, um einen ebenerdigen Eingang zu schaffen.
Workshop
Entwurf und Planung waren vor dem 4-tägigen Workshop bereits abgeschlossen, daher stand das handwerkliche Schaffen und ‚Do-It-Together‘ mit den ca. 10 Teilnehmenden im Fokus.
Die ersten zwei Workshoptage waren Teil des Rahmenprogramms zum Bauwende-Camp 2024. Wetterbedingt fand die Arbeit an Tag 1 großteils unter Zelten statt, eine kleine Herausforderung für die Platzorganisation. Dennoch haben uns die Camp-Teilnehmenden wacker unterstützt, wodurch an diesem Tag die Fertigung der vier Grundrahmen als Zangenkonstruktion weitestgehend abgeschlossen war. An Tag 2 erfolgte die Errichtung des Sockels, anschließend wurden die Grundrahmen aufgestellt und das Dach vorläufig gedeckt - damit war das Richtfest geschafft!
Einen Monat später ging es für die Fertigstellung an einem sonnigen Herbstwochenende erneut nach Weißwasser. Diesmal bestand das Bauteam aus den Mitgliedern des Neufert-Bau Weißwasser e.V.. An Tag 3 lag der Schwerpunkt auf der Fertigstellung der Gebäudehülle, Tag 4 kam abschließend der finale Innenausbau hinzu. Nachdem das finale Gruppenfoto in dem geräumigen Toilettenhäuschen geknipst war, erfolgte dann die ‚Einweihung‘ als stilles Örtchen.