Rückblick: Bauwende-Camp
2025
in
Chemnitz
„Wenn du ein Bauteil wärst, welches wäre es?“ – eine von vielen Fragen, die während des „Speed-Datings“ und insgesamt zu einem lebhaften Austausch und vielleicht auch zur ein oder anderen neuen Erkenntnis führten. Am 26. und 27. September fand unser diesjähriges Bauwende-Camp im Garagen-Campus Chemnitz statt, der eine der Interventionsflächen des Kulturhauptstadtjahres bildet. Mit viel Patina, rostigem Rohr und frischem Wind bot der Ort einen sehr passenden Rahmen für zwei intensive Bauwende-Tage, die wir hier gemeinsam mit insgesamt 75 Teilnehmer:innen erleben durften. Das Programm war auch in diesem Jahr eine Mischung aus Input, Interaktion, Theorie und Praxis. Neben den Zeitschichten des Veranstaltungsorts gab es ringsum mit der Bauwende-Ausstellung und einem Markt der Möglichkeiten viele weitere Entdeckungsangebote. Außerdem zu erwähnen: Mit ihrem nebenan stattfindenden Festivalprogramm „Schöner Wandel“ bot uns das Zentrum für Baukultur Sachsen (ZfBK) an beiden Tagen eine inhaltlich bereichernde Nachbarschaft.
Die Inputs des ersten Tages standen unter dem Motto der Bauwende-Strategien Ressourcenschutz, Umbaukultur und Kreislaufwirtschaft. Als Auftakt wurden wir von Jörg Wittig von der Chemnitzer Verkehrs-AG (CVAG) über das Gelände des Garagen-Campus‘ geführt und tauchten somit direkt in erfolgreiche Umbaukultur ein: mehrere große Hallen, ehemals als Straßenbahndepot fungierend, heute als Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Kreativwirtschaftsfläche genutzt. Die Sanierungs- und Umbaumaßnahmen zielten darauf ab, möglichst viel Originalsubstanz zu erhalten und wenn möglich weiterzunutzen, nur das Dach musste komplett erneuert werden. Jörg Wittig berichtete, dass der Projektprozess sehr partizipativ ausgelegt war, und betonte die Wichtigkeit direkter Kommunikation – z.B. bei einem „Handwerker:innenfrühstück“. Wie „Räume der Veränderung“ auch andernorts aussehen können, wurde im anschließenden Input von Frank Schönert vom Berliner Architekturbüro Hütten & Paläste eindrücklich vor Augen geführt. So erhielten wir beispielsweise Einblicke in den Planungsprozess der U-Halle in Mannheim, ein ehemaliges Lagergebäude, das zu einem vielfältigen BUGA-Ausstellungsgebäude transformiert wurde. Der Themenblock schien zu diesem Zeitpunkt bereits den heimlichen Untertitel „Prozesse neu denken“ zu haben. Caroline Kügler vom Holzkombinat Chemnitz, einer offenen Werkstatt für Holzprojekte, machte daran anknüpfend auch für die Praxis deutlich: Individualismus bringt uns nicht weiter, gemeinsam ist immer besser als alleine!
Der zweite Tag begann mit einem Themenblock zu den Bauwende-Strategien Arbeitskulturen und soziale Nachhaltigkeit. Was wäre, wenn Planende und Nutzende selbst die Maurerkelle in die Hand nehmen und Bauworkshops zu einem selbstverständlichen Bestandteil eines Bauprojekts werden? Anne Femmer vom Leipziger Architekturbüro SUMMACUMFEMMER verdeutlichte anhand verschiedener Projekte anschaulich, wie Selbstbau, Reparatur und Wiederverwendung Hand in Hand gehen können und damit eine funktionierende Rezeptur der sozialen und ökologischen Bauwende sind. Einen ganz anderen Ansatz stellte Marcus Bauerfeind mit der „Kreativachse“ Chemnitz vor: Das Projekt förderte über drei Jahre die Aktivierung von Leerstandsflächen, indem Initiativen u.a. aus den Bereichen Kunst, Kultur und Handel günstige Mieten erhielten. Zusammen mit Neugestaltungen des öffentlichen Raums und Veranstaltungsangeboten konnte die Verbindung der Areale Brühl, Sonnenberg und Straße der Nationen so neu belebt werden – die meisten Mieter:innen werden wohl auch nach Projektende bleiben. Den Abschluss des Themenblocks und eine Brückenschlag zum Thema Ressourcenschutz gestaltete Valérie Madoka Naito mit einem Input zum Strohballenbau. Es sei hier sehr viel Potenzial da – leider werde dieses aktuell jedoch noch ausgebremst von fehlender Aufgeschlossenheit vor allem von Seiten der Bauwirtschaft.
Der Nachmittag des zweiten Tages war den Themen Bildung, Forschung und Praxis gewidmet. Zunächst schilderte uns Laura Oberender vom Insitut für Baukonstruktion der TU Dresden, wie dringend notwendig neue Lehrkonzepte für das nachhaltige Bauen sind, und stellte uns sehr anschaulich ein überraschend praxisnahes Seminarkonzept vor. Und auch das Programm des Bauwende-Camps wurde nun praktischer: In drei Workshopangeboten konnten die Teilnehmer:innen einen Erstkontakt mit Lehm, Lehmglätte und Sgraffito erleben (Workshop mit Christian Voigt von Lehmbau Voigt, Jahnsdorf), einen Hocker aus wiederverwendeten Materialien bauen (Workshop mit Jonas Fleckstein vom Studio Baustein, Leipzig) und in das Thema der ökologischen Oberflächenbehandlungen einsteigen (Workshop mit Anka Böthig, Naturfarbenwerkstatt Dresden). Parallel wurde der Bereich Bildung intensiv weiterbearbeitet: Teresa Immler und Lorenz Hahnheiser von Nexture+ aus Berlin luden mit einem World Café zum Austausch darüber ein, wie die Bauwende künftig stärker in der Lehre verankert werden kann.
Am Ende beider Tage waren wir neugierig: Was bleibt hängen? Wie gehts weiter? Wo gibt es noch Netzwerkbedarf? Wir haben von den Teilnehmenden in unseren Feedbackrunden sehr vielfältige Antworten erhalten. Passend dazu formulierte eine Person, dass das Camp vor allem auch dazu eingeladen habe, sich auseinanderzusetzen mit der Frage: „Was bedeutet Bauwende für mich?“ Viele teilten jedoch den Eindruck, dass hängen bleiben werde, wie wichtig gemeinschaftliches Handeln sei – „Kollektivismus als Säule der Bauwende“! Hierzu müssten bestehende Hierarchien und Strukturen im Bauwesen hinterfragt und neue Modelle des Lernens voneinander/miteinander gefunden werden. Es sei wichtig, trotz großer gesellschaftlicher Transformationsziele das Gefühl der eigenen Handlungsfähigkeit zu behalten.
Wie es nun weitergehe werde, beantworteten gleich mehrere Teilnehmende mit fast identischem Wortlaut: „Banden bilden“ und „einfach machen“. Zugleich fand sich auch immer wieder die Einschätzung, dass es mehr öffentlichen Diskurs brauche („Raus aus dem Elfenbeinturm“) und die Erkenntnisse jetzt unbedingt in die Praxis kommen müssten. „Jeder kann ein Akteur der Bauwende sein!“
Eigentlich alle sahen am Ende des Camps in ganz verschiedenen Hinsichten noch weiteren Netzwerkbedarf. Große Einigkeit in den Antworten herrschte dabei in eine Richtung: Es brauche dringend noch mehr Kontakt in die Praxis, zu Menschen außerhalb der Bubble, und besonders ins Handwerk, das sei jetzt an der Tagesordnung: „Handwerk einnetzen“!
Wir vom Bauwende-Team möchten dem Feedback der Teilnehmenden noch hinzufügen, dass wir das umsichtige Miteinander und die lebendige, anregende Atmosphäre als sehr besonders erlebt haben, die hier von allen zusammen geschaffen wurde. An dieser Stelle noch einmal ein großes Danke! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen.